Ein Stück China mitten in Frankfurt

Von Anja Prechel (Presse-Info der Stadt Frankfurt), 11. Oktober 2014

 

Zickzackbrücke, japisgrüner Teich, Pavillon des geläuterten Herzens: Am unteren Ende der Berger Straße in Frankfurt liegt ein Kleinod chinesischer Gartenbaukunst. Gestern hat das Grünflächenamt den 25. Geburtstag des Gartens des himmlischen Friedens im Bethmannpark gefeiert.

 

Jetzt, zu Beginn des Herbstes, wenn die Blätter sich färben und nach und nach in den Teich fallen, mag Klaus Kugler ihn besonders, den Chinesischen Garten. Der frühe Morgen, wenn sein Arbeitstag als Bezirksgärtner im Bethmannpark anbricht und er hier noch niemanden trifft, ist für Kugler die schönste Tageszeit. „Es ist dann so wunderbar ruhig hier“, sagt der große Mann in der grünen Arbeitskleidung des Grünflächenamtes.

 

Ein Ort der Stille und Abgeschiedenheit soll er sein, der Chinesische Garten. Und tatsächlich, selbst den Verkehr, der nur ein paar Meter vor seinen dicken Mauern durch die Friedberger Anlage fließt, hört man an diesem Mittag kaum. Die Schülergruppe, die ihre Pause im großen Pavillon verbringt, behält Kugler im Auge. Sollten die jungen Männer und Frauen irgendwelchen Unfug machen oder zu laut werden, der Gärtner würde nicht zögern, sie in die Schranken zu weisen. Wie schon gesagt - „der Garten soll ein Ort der Stille sein.“

 

Dieses Jahr wird er 25 Jahre alt, gestern hat das Grünflächenamt offiziell das Jubiläum gefeiert. Umweltdezernentin Rosemarie Heilig lud zur Feier ein, auch der Generalkonsul der Volksrepublik China, Liang Jianquan, war dabei. Für die Gäste warteten nicht nur ein vielseitiges kulturelles Programm mit dem Peking-Oper-Club Deutschlang, sondern auch leckeres chinesisches Fingerfood.

 

Offiziell lautet der Name des seit 25 Jahren bestehenden Schmuckstücks Garten des himmlischen Friedens. Eigentlich sollte er Frühlingsblumengarten heißen. Doch als sich 1989, das Jahr, in dem er gebaut und eröffnet wurde, die Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking überschlugen, hunderte Menschen bei der Zerschlagung friedlicher Proteste ums Leben kamen, entschied sich die Stadt zum Andenken an die Ereignisse, dem Park diesen Namen zu geben. Die Idee, einen Garten nach chinesischem Vorbild zu bauen, gab es in Frankfurt bereits in den frühen 1980er Jahren, 1985 begann man mit den Planungen.

 

Mehrere Standorte wurden erwogen, auch der Palmengarten stand auf der Liste. Letztlich entschied sich die Stadt für den Bethmannpark am unteren Ende der Berger Straße. „Er kostet keinen Eintritt und wird abends abgeschlossen“, sagt Klaus Kugler. „Und wenn unsere Gärtner nicht da sind, gibt ein Wachdienst Acht“, ergänzt Franz-Josef Lüttig vom Grünflächenamt.

 

Kugler und Lüttig – beide kennen den Chinesischen Garten wie ihre Westentasche. Kugler ist seit 25 Jahren Gärtner im Bethmannpark, Lüttig ist Gartenarchitekt und seit 32 im Grünflächenamt tätig. Lüttig hat erlebt, wie aus dem südwestlichen Teil des ehemaligen Anwesens der Frankfurter Bankiersfamilie ein kleines Stück China wurde – mit Tempeln, Brücken, Wasserfall und Teich. Den allerdings hat es auch vorher schon gegeben, ebenso wie die knapp 200 Jahre alte Platane und viele andere Bäume, die nun von einer Mauer im chinesischen Stil umringt sind. Sie wurden in die Planungen einbezogen und machen den Frankfurter Chinesischen Garten zu etwas ganz Besonderem.

 

Überhaupt treffen sich hier Ost und West. „In China wird deutlich mehr Stein verbaut als bei uns“, sagt Klaus Kugler. Zwar bewegt sich der Besucher in Frankfurt zwischen original chinesischen Bauwerken, auf Wegen, deren Steine aus dem Reich der Mitte stammen, doch blickt man auch auf eine üppige Vegetation. Bambus, verschiedene Arten Ahorn, Magnolien, Pfingstrosen, Elfenblumen. Typische Gewächse, wie man sie auch in China findet. Genauer: aus den Shiukou-Gärten der südostchinesischen Stadt Huizhou.

 

Ihnen ist der Chinesische Garten im Bethmannpark nachempfunden, die dort herrschenden Klimabedingungen sind denen Frankfurts ähnlich. Der Großteil der Materialien, mit denen der Garten des himmlischen Friedens gebaut wurde, ebenfalls. Im Mai 1989 kamen sie an – Holz, Ziegel, Steine, Werkzeuge, vorgefertigte Elemente, insgesamt 1.100 Kisten, die in 27 Containern verschifft wurden. Dazu 16 chinesische Handwerker, die die Zickzackbrücke anlegten, Steinquader im Teich platzierten, in traditioneller Bauweise den Wasserpavillon des geläuterten Herzens, die Galerie des duftenden Wassers oder den Spiegel-Pavillon errichteten. „Ohne Nägel und Schrauben, mit Steckverbindungen, wie man sie in Deutschland aus Fachwerkbauten kennt“, weiß Franz-Josef Lüttig.

 

Was, wie Lüttig und Kugler lernen mussten, nicht immer mit den Gegebenheiten einer deutschen Großstadt konform geht. Im Jahr 2005 stellten die beiden einen Schaden an der Holzkonstruktion des großen Wasserpavillons fest. Ein Gutachter bestätige den Fund. Die – traditionell – lose verlegten Tonziegel waren verrutscht, „durch die U-Bahn, die unter dem Park durch fährt, kommt es zu feinen Erschütterungen“, erklärt Lüttig. Nässe war in die Balken eingedrungen. Der Pavillon und andere marode Teile mussten saniert werden.

 

Wieder kamen Container mit Baumaterial aus China, dazu 18 chinesische Handwerker mit ihrem Bauleiter und der chinesische Landschaftsarchitekt, der den Garten entworfen hat. „Mit deutschen Firmen hätte man die Sanierung nicht stemmen können, die Handwerker arbeiten vollkommen anders“, sagt Lüttig. Die Chinesen haben Fertigkeiten, wie man sie in Deutschland selten bis gar nicht und wenn dann nur für viel Geld findet.

Denken Franz-Josef Lüttig und Klaus Kugler an die Vorbereitungen und Bauarbeiten der Sanierung, fallen ihnen einige Anekdoten ein. Zum Beispiel die von der Schuhprobe. Lüttig lacht. „Sie glauben ja nicht, mit welchen Hilfsmitteln Chinesen bauen.“ Dreibock, Flaschenzug und an den Füßen Schlappen - da stehen einer deutschen Bauaufsicht die Haare zu Berge.

 

Zumindest beim Schuhwerk setzten die Frankfurter sich durch - und verpassten den Kollegen aus Fernost Sicherheitsschuhe. Lüttig und Kugler gingen auch einkaufen. „Auf dem Betriebshof des Bethmannparks wurde ein Container aufgebaut, dort wohnten die Handwerker“, erzählt Lüttig. Bettwäsche, Kochutensilien, alles besorgten die Männer vom Grünflächenamt selbst. „In einem großen Möbelhaus waren gerade chinesische Wochen, da bekamen wir Woks, Schälchen und auch Stäbchen.“

Nur die Suche nach dem Gaskocher gestaltete sich schwierig. Erst im dritten Anlauf haben sie einen gefunden. Belohnt wurden sie dafür mit hausgemachtem chinesischen Essen. Klaus Kugler erinnert sich heute noch gern daran.

 

Bei der Sanierung im Jahr 2008 wurde auch an der Gestaltung des Chinesischen Gartens gearbeitet – die große Treppe zum Bergpavillon wurde zurückgebaut und in kleinerer Ausführung wieder errichtet, die Holzbrücke wurde durch eine vorproduzierte Steinbrücke ersetzt, die Weiherumrandung umgestaltet, die Chinesen brachten als Geschenk neue Steinleuchten mit. Rund vier Monate dauerten die Bauarbeiten. Seit Frühjahr 2008 steht er den Frankfurtern wieder zur Verfügung, der Garten des himmlischen Friedens – noch schöner und vollkommener.

 

Heute wie vor 25 Jahren ist er ein beliebtes Fotomotiv, ein Treffpunkt für Liebespaare. Besonders Frankfurter, die aus China stammen, besuchen ihn gern. Die Schüler, deren Pause an diesem Mittag herum ist, sitzen wieder in ihren Klassenzimmern. Das Fiedeln einer chinesischen Geige dringt gedämpft aus dem Pavillon des geläuterten Herzens. Am Eingang des Gartens üben ein Mann und eine Frau Tai-Chi. Vor den Mauern rauscht der Verkehr. Dahinter – ist es immer noch wunderbar ruhig. „Ein Ort der Stille.“ Klaus Kugler kann es nicht oft genug sagen.


Der Garten des himmlischen Friedens ist ganzjährig unter der Woche von 7 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit sowie an Samstagen, Sonn- und Feiertagen von 10 Uhr bis Einbruch der Dunkelheit geöffnet. Führungen sind nach Vereinbarung mit dem Grünflächenamt möglich.

 

 

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