Willkommen im Hochglanz-China

von Uwe Kötter, 4. März 2013

Noch einmal nach China reisen: Was für mich derzeit der größte Traum ist, wurde für meinen Vater nun Wirklichkeit. Geschäftlich flog er für zwei Tage in den Süden des Landes, nach Guangzhou (Kanton). Was er während seines kurzen Aufenthaltes sehen konnte, war natürlich nur ein kleiner Bruchteil der Millionenmetropole - doch der Eindruck ist stellvertretend für das, was viele westliche Geschäftsleute aus Fernost mitnehmen: ein Bild von einem China, das so gar nicht der Tradition des Landes entspricht.

 

„Nein, das ist nicht das China, das ich bei meinem ersten Besuch 2009 in Peking kennengelernt habe. Das ist das China des 21. Jahrhunderts, ein Hochglanz-China. Ein China, bei dem man kaum spürt, dass man überhaupt in China ist.

 

Bereits bei meiner Ankunft am Flughafen in Guangzhou merke ich schnell: Diese Stadt repräsentiert Chinas Moderne. Mit den armen, noch immer unterentwickelten Landregionen des Landes hat sie nichts gemeinsam. Die 45-minütige Fahrt zu meinem Hotel hätte überall auf der Welt sein können: Vierspurige Autobahnen, nichtssagende Hochhäuser in einem einfachen und sogar fast identischen Baustil. Kein Palast, kein historisches Gebäude, kein Tempel, nein, alles ist in schlichter, gar langweiliger Optik gehalten.

 

Auch die Einfahrt zum Hotel hätte man übersehen können, wären hier nicht unzählige uniformierte Chinesen, die alle Türen aufhalten, das Gepäck tragen und mit einem Griff an ihre oft viel zu groß wirkende Mütze permanent lächelnd „Good Morning“ sagen.

 

Im Hotel angekommen, stehe ich vor vier Meter hohen dunklen Türen und noch höheren dicken Säulen, welche auf poliertem Marmor angeordnet sind. Mit einer Chipkarte kann ich den Fahrstuhl bedienen, der mich sanft gleitend in den 19. Stock fährt. Über mein riesiges Zimmer und die zwei Bäder kann ich nur staunen.

 

Vor allem, weil die in ihrer Exklusivität und Modernität so einiges an Verwirrung bieten: Ein Spiegel hier, ein weiterer dort, eine Hochglanz-Armatur auf der einen, eine weitere auf der anderen Seite. Alles sieht gleich aus und so kann es am Morgen schon mal passieren, dass man die Orientierung im eigenen Bad verliert – und plötzlich nicht mehr weiß, wo eine Wand endet und wo man weiter gehen kann.

 

Hat man diese Hürde gemeistert, geht der Tagesablauf viel einfacher weiter. Denn am Frühstücks-Buffet erlebe ich den nächsten Moment, in dem ich mir erst einmal wieder bewusst vor Augen führen muss, dass ich doch eigentlich nicht in Europa bin. Da warten acht verschiedene Brotsorten, Schweizer Käse, deutscher Joghurt, italienischer Parmaschinken, Nutella, Kaffee aus der Jura-Maschine, hart gekochte, Spiegel- und Rühreier. Mit dem deftigen chinesischen Frühstück, das wir vor fünf Jahren in Peking hatten und das oft aus einem mit Koriander und Zwiebeln gewürzten Eieromelette, das die zahlreichen Fahrrad-Garküchen an Pekings Hauptstraßen anbieten, bestand, hat das nichts zu tun.

 

Doch kulinarisch scheinen die Geschäftsleute der hochentwickelten Millionen-Metropole ihre oft europäische Heimat eben nicht missen zu wollen – und in chinesischen Kreisen gilt es als besonders chic, deutsch, italienisch oder französisch essen zu gehen. Und so geht es zum Abendessen in Guangzhou auch gerne mal in den Paulaner-Garten. Nürnberger Würstchen mit Sauerkraut, frisch gezapftes Weizenbier. Jetzt weiß ich wirklich nicht mehr, wo ich bin.

 

Und so fliege ich nach meiner kurzen Geschäftsreise wieder zurück nach Deutschland, ohne so recht das Gefühl bekommen zu haben, in China gewesen zu sein. Im Gepäck habe ich zwar keine typisch chinesischen Mitbringsel, dafür aber einen interessanten Einblick in das Geschäftsleben Chinas, eine tolle Erinnerung an die wenigen Tage im wohlhabenden Süden des Landes – und die wichtige Erkenntnis, dass China eben nicht gleich China ist.“

 

 

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