Gaokao: China im Ausnahmezustand

von Jana Kötter, 10. Juni 2014

 

Rund neun Millionen chinesische Jugendliche haben am Wochenende alles gegeben: Sie brüteten über ihrem Gaokao, der gefürchteten Abschlussprüfung. Die versetzt chinesische Städte jeden Juni aufs Neue in einen Ausnahmezustand.

 

“Ein Großvater und sein Enkel sitzen auf einem Berg und blicken ins Tal hinab. Der Enkel sagt, die leuchtenden Neonlichter seien schön, weil sie die Stadt bunt machen. Der Großvater meint, dass die Menschen in jener Zeit, in der es die Neonlichter noch nicht gab, in der Lage gewesen seien, die Sterne zu betrachten – und diese noch viel schöner als die bunten Lichter seien. - Beziehe einen eigenen Standpunkt und verfasse einen Artikel zu diesem Thema!"

 

Das ist nur eine von vielen Aufgaben, über denen zahlreiche Jugendliche in der chinesischen Provinz Liaoning am Wochenende brüteten - während des wohl wichtigsten Tests ihres noch jungen Lebens: Sie schrieben ihr Gaokao (高考), den „Hohen Test“.

 

Jedes Jahr im Juni bangen Schüler und Eltern in China um die Zukunft: Denn die mehrtägige Abschlussprüfung, die am Ende der zwölfjährigen Schulausbildung steht und daher ungefähr mit dem deutschen Abitur vergleichbar ist, entscheidet darüber, ob die Schüler überhaupt eine Universität besuchen dürfen - und wenn ja, welche. Die Schüler wollen dabei natürlich am liebsten die begehrten Unis in Peking besuchen oder die Fudan-Universität in Shanghai. Dafür brauchen sie allerdings beste Gaokao-Ergebnisse: In den vergangenen Jahren schafften es nur etwa 0,3 Prozent der Testteilnehmer an die Elite-Unis des Landes.

 

9,4 Millionen Jugendliche haben am Wochenende deshalb alles gegeben und die gefürchtete Abschlussprüfung geschrieben. Das erste Mal in der Geschichte fand diese zeitgleich mit ihrem amerikanischen Gegenstück, dem SAT (Scholastic Assessment Test), statt. Obwohl beide völlig andere Formate haben, haben sie doch einen Teil gemeinsam: das Essay. Wie die "Großvater-und-Enkel-Aufgabe" müssen die Schüler dabei ihre eigenen Gedanken entfalten und darlegen.

 

Während der Prüfungszeiten werden die Städte, in denen sich ein Prüfungszentrum befindet, in eine Art Ausnahmezustand versetzt, um den Prüflingen absolute Ruhe für ihre Abschlussprüfung zu gewährleisten. So werden nachts Bauarbeiten eingestellt, um sicherzustellen, dass die Prüflinge ruhig schlafen können. Am Tag sind in den Städten viele Polizisten verteilt, welche die im Stau steckenden Schüler zu ihren Prüfungszentren bringen.

 

Im Ausnahmezustand sind auch die besorgten Eltern: Sie beten, besuchen Tempel, machen Opfergaben - oder sollen auch schon Mini-Funkgeräte gekauft haben, um ihren Kindern als "Telefon-Joker" zur Verfügung stehen zu können. Schummeln sollte man beim Gaokao jedoch nicht – denn wer auffliegt, dem drohen mehrere Jahre Haft. Tausende Kameras unterstützen die zahlreichen Aufseher dabei, Betrugsversuche aufzudecken, zudem gilt ein spezieller Dresscode (beispielsweise sind nur Sport-BHs erlaubt, damit die Schülerinnen ohne Piepsen durch die aufgestellten Metalldetektoren kommen).

 

Also hilft nur: büffeln, büffeln, büffeln. Und während der Prüfung dann das eigene Hirn anzustrengen. Das muss man durchaus: Die chinesischen Aufgabenstellungen können äußerst kryptisch sein – das Beispiel aus Liaoning ist wohl noch eines der verständlicheren.

 

 

Bilder von der diesjährigen Abschlussprüfung gibt es bei Spiegel Online.

 

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