Leidvolle Lotusfüße – ein sterbender Brauch

von Jana Kötter, 17. Juni 2014

 

Es ist ein Brauch, der ausstirbt; eine Tradition, die nicht mehr existiert. Zum Glück – denn das Schönheitsideal der Lotusfüße brachte für Millionen von Frauen qualvolles Leid mit sich. Und das über Jahrhunderte.

 

Eine schöne Frau musste im Kaiserreich Chinas vor allem eines haben, um als attraktiv zu gelten: möglichst kleine, spitze Füße, auf denen sie mehr trippelte als ging. Bereits seit der Song-Dynastie (960 bis 1270) galten sogenannte Lotusfüße als Inbegriff weiblicher Schönheit und Erotik. Je kleiner die Füße, desto begehrenswerter die Frau – so einfach funktionierte das Prinzip auf dem Heiratsmarkt.

 

Die Tradition des Füßebindens geht angeblich auf eine Konkubine des Kaisers Li Houzhu zurück – weil diese so anmutig-trippelnd tanzte, begannen Geliebte und Tänzerinnen schnell, es ihr nachzutun. Schon bald praktizierten alle Bevölkerungsschichten die grausame Tortur; andernfalls standen die Chancen, einen Mann zu finden, schlecht.

 

Denn die kleinen, verkrüppelten Füße waren weit mehr als nur ein Schönheitsideal – sie waren die erotische Fantasie vieler Generationen. Alte chinesische Handbücher beschreiben 48 Variationen der „Fesselspiele“ am Fuß. Durch das enge Herunterbinden der Zehen ergab sich eine tiefe Furche, die dem Mann Vergnügen bereiten konnte. Einigen Überlieferungen zufolge soll der gebundene Fuß außerdem die Oberschenkelmuskulatur gekräftigt und die Vagina verengt haben, sodass die Tradition das sexuelle Vergnügen steigern sollte. Und, nicht zu vergessen, auch der unsichere Trippelgang sprach die chinesischen Männer an – konnten die Frauen so nicht vor ihnen weglaufen.

 

Dabei bedeutete das Binden der Füße für die Frauen eine systematische und qualvolle Verstümmelung ihrer Füße.

 

Ab einem Alter von drei bis acht Jahren wurden die Füße gebunden, und die Gesundheit der Frauen so für immer geopfert. Je früher man mit dem strengen Bandagieren begann, umso besser, denn die Knochen kleiner Kinder sind noch sehr weich und konnten sich so besser formen lassen. Das extreme Einschnüren der Füße, das Brechen und gewaltsame Formen der Mittelfußknochen und Zehen zwang den kindlichen Fuß so in die gewünschte Form. Das Ideal: der „Goldlotus“, der nicht mehr als zehn Zentimeter groß sein durfte.

 

Die entspräche der Schuhgröße 17 – und kam oft als verkrüppelter Klumpfuß mit eingewachsenen Fußnägeln, eitrig infizierten Knochensplittern und Wunden, verfaulter Haut und abgestorbenen Zehen einher.

 

Dass es den Frauen mit ihren verkrüppelten Füßen ein Leben lang verwehrt blieb, ohne Hilfe zu stehen oder zu gehen oder dass sie bei dieser Tortur sogar an einer Infektion sterben konnten, war egal. Denn Frauen, die „auf großem Fuß“ lebten, wurden gesellschaftlich geächtet.

 

Erst 1911 wurde die frauenverachtende Praxis verboten, insgeheim hielt sie sich jedoch noch Jahrzehnte länger. Über Mao Zedong mag man denken was man möchte, doch einer seiner großen Verdienste war es, die Lotusfüße radikal abzuschaffen – offiziell im Namen der Gleichberechtigung, inoffiziell wohl, weil er die Frauen als Arbeitskräfte brauchte. Seit Gründung der Volksrepublik 1949 ist die Tradition der Lotusfüße so langsam aber sicher am Aussterben.

 

Heute findet man Lotusfüße nur noch bei sehr alten Frauen, wie etwa im Dorf Tuanshan in Yunnan. Schätzungen zufolge gibt es, vor allem in den Dörfern in ländlichen Regionen, nur noch wenige hunderte Frauen, die an den Folgen ihrer eingebundene Füße leiden. Sind sie gestorben, wird es kein Zeugnis mehr über diese Jahrhunderte lang praktizierte Tradition geben.

 

Denn ihre Töchter und Enkelinnen, Urgroßenkelinnen und alle kommenden Generationen wird dieses Schicksal zum Glück nicht mehr treffen.

 

 

 

 

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