Nationalstolz im Morgengrauen

von Jana Kötter, 31. Mai 2014

 

Es ist früh, die Sonne geht gerade auf. Im dämmrigen Licht des Morgengrauens stürmen die Menschen von allen Seiten auf den Tiananmen, hunderte drängen sich bereits in der Mitte des Platzes.

 

Nein, es ist keiner der Tage der Studentenbewegung 1989. Es ist ein Oktobermorgen im Jahr 2009, und ich bin mit meinem Vater auf den Tiananmen-Platz im Herzen Pekings gefahren, um mit ihm das zu erleben, was in vielen Reiseführern als „Geheimtipp“ gehandelt wird: Wir sind gekommen, um die allmorgendliche Fahnenstunde mitzuerleben.

 

In zwei Reihen marschieren die 36 Soldaten auf den Platz, etwas entfernt und ferngehalten von Absperrzäunen drängen sich nun die Zuschauer. „He, nicht schubsen“, ranzt der eine seinen Nachbarn an. Und drückt selber gegen den Vordermann, um besser sehen zu können.

 

Als die bubenhaft aussehenden Soldaten mit ihren viel zu großen Uniformen im Gleichschritt am Fahnenmast ankommen, grüßen die vorderen Reihen, bevor zwei von ihnen die Nationalflagge ausrollen und am Masten befestigen. Dann ist es soweit: Langsam wird die Fahne an der dünnen Stange hochgezogen, in wenigen Sekunden ist das Spektakel vorbei.

 

Die Zuschauer sind nun kaum mehr zu halten, sie zücken ihre Kameras, Smartphones, die Morgendämmerung ist von leuchtenden Displays durchzogen. Viele der Chinesen, insbesondere die älteren, sind ganz aus dem Häuschen oder aber in sich gekehrt, während die Nationalhymne durch die blechern klingenden Lautsprecher schallt. Zahlreiche von ihnen haben Jahre lang auf diesen Moment gewartet, der als das I-Tüpfelchen auf dem Leben eines jeden Patrioten gilt. 

 

Der Plan der Regierung ist damit aufgegangen. Sie hatte die allmorgendliche Zeremonie 1991 eingeführt, als der Ruf des Platzes aufgrund der Erinnerungen an das Tiananmen-Massaker 1989 etwas angekratzt war. Zuvor waren lediglich zwei, drei Soldaten jeden Tag in der Frühe zu dem Mast gelaufen und hatten die Fahne ohne großes Spektakel gehisst.

 

1991 sollte die Fahnenstunde helfen, einen neuen Patriotismus aufleben zu lassen und den Platz im Herzen Pekings wieder mit einem guten Gefühl im Bewusstsein des Volkes zu verknüpfen. Betrachtet man all die hunderte, manchmal sogar tausende Chinesen, die Morgen für Morgen für Morgen für Morgen aus dem gesamten Land auf den Tiananmen-Platz strömen und dies als wahren Glücksmoment in ihrem Leben betrachten, muss man sagen: Dieser Coup ist der Regierung gelungen.

 

 

Zur Bilderstrecke

 

Zurück zum China-Blog

 

Glückskeks der Woche

Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir für immer.

Konfuzius

Keinen Blog-Beitrag mehr verpassen:

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Jana Kötter 2014