Peking erstickt im Smog

von Jana Kötter, 21. Februar 2014

Es ist das erste Mal, dass Peking die dritthöchste Alarmstufe Gelb ausruft, seitdem im Oktober der neue Anti-Smog-Aktionsplan ausgerufen wurde. Und wer in diesen Tagen Bilder aus der chinesischen Hauptstadt sieht, der begreift schnell: Eine effektive Antwort auf den gesundheitsgefährdenden Smog sähe anders aus.


Die staatliche Umweltbehörde erwartet für heute ein Smog-Level von 5 und 6 – das sind die beiden höchsten Stufen ihrer Skala. Laut Nachrichtenagentur Xinhua ist für mindestens drei weitere Tage eine extreme Luftverschmutzung gemeldet, ältere Menschen und Kinder wurden von den chinesischen Gesundheitsbehörden aufgerufen, in ihren Häusern zu bleiben. Erst vergangene Woche war eine chinesische Studie zu dem Schluss gekommen, dass die Hauptstadt aufgrund der schlimmen Luftverschmutzung "für Menschen kaum bewohnbar" sei.


So paradox es klingen mag, der gefährliche Smog ist einer der Preise, den Chinas Bevölkerung für den Aufstieg zum Wirtschaftsriesen und damit verbunden für ihre neuen höheren Lebensstandards zahlt. 


China übernimmt die Muster unserer westlichen Konsumgesellschaft im Zeitraffer, und die Lebensweise, für deren Entwicklung die Industrienationen viele Jahrzehnte gebraucht haben – große Häuser in Vorstädten, immer größer werdende Städte, und Autobahnen und eine Kultur, die auf das Auto ausgerichtet ist , entwickelt sich in einigen Teilen Chinas gerade in halsbrecherischer Geschwindigkeit.


In China leben 1,3 Milliarden Menschen, das sind vier Mal mehr als in den USA. Und obwohl die Hälfte von ihnen laut Weltbank noch immer unter der Armutsgrenze lebt, hat sich das Durchschnittseinkommen der Chinesen in den vergangenen Jahrzehnten verdreifacht – und damit verändern sich auch die Lebensmuster des Riesen-Volkes.


Bereits vor zehn Jahren schrieb Fareed Zakira im Buch „The Future of Freedom“; dass auf Chinas Straßen 24 Millionen Autos fuhren, Tendenz steigend. Jeden Monat werden rund eine Viertelmillion Autos gefertigt und verkauft. Gäbe es – gemessen an der Einwohnerzahl – in China genau so viele Autos wie in den USA, wären das mehr als 600 Millionen Autos – mehr als alle Autos, die es derzeit auf der Welt gibt.


Dass der größte Faktor hinter der Umweltverschmutzung jedoch die großen Fabriken sind, die jahrzehntelang mit schlechten Umweltstandards ihre Abgase in die Luft geblasen haben –und das noch heute tun, um dem Land wirtschaftlichen Aufschwung zu verleihen, ist keine Frage. Ähnlich der industriellen Entwicklung in westlichen Industrienationen in den 1970er und 1980er Jahren hat sich China bisher keine Gedanken über Umweltschutz gemacht. Das Wirtschaftswachstum stand über allem – und damit eben auch über dem Umweltschutz und der Gesundheit seiner Bevölkerung. Das Bewusstsein, an diesen Prioritäten zu rütteln, setzt erst langsam ein.


Gleichzeitig fehlen oft die Möglichkeiten, wichtige Schritte für den Umweltschutz zu übernehmen. So wäre ein wichtiger Punkt auf dem Weg zu einem sauberen Peking die Abschaffung der unzähligen Kohleöfen, die in diesen Tagen dafür sorgen, dass die Chinesen in ihren Wohnungen nicht frieren. Doch da in weiten Teilen des Landes kein zentrales Heizsystem zur Verfügung steht und die Menschen kein Geld haben, selber auf eine umweltfreundlichere Alternative umzurüsten, wird das Heizen mit Kohle auch in den kommenden Jahren auf der Tagesordnung stehen – und damit besonders im Winter zur Smog-Bildung beitragen.


Hinzu kommt, dass China in einer Zeit, in der einige Länder dabei sind, ihre Kohlekraftwerke stillzulegen, plant, bis zum Jahr 2030 mehr als 500 neue Kohlekraftwerke zu errichten (Tanaka, Shelley: Klimawandel, Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 2007: 83). Es ist der schnellste -und vor allem billigste- Weg, die Energie, die die Industrie und zunehmend auch Privathaushalte fressen, sicherzustellen oder gar zu erhöhen. Bereits heute ist das Land, sowohl auf privater als auch auf industrieller Ebene der größte Verbraucher von Kohle – und das ist mit ein Grund, weshalb Peking derzeit im Smog zu ersticken droht.

 


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