Disziplin als höchste Tugend

von Jana Kötter, 17. April 2014

Andere Länder, anderes Lernen. Das sagt zumindest mein Gitarrenlehrer, bei dem ich seit einigen Monaten versuche, den musikalischen Teil in mir zu entdecken – oder ihn entstehen zu lassen. Dass der Frankfurter dabei einen sehr philosophischen Ansatz verfolgt, gefällt mir. Denn mein Lehrer unterrichtet nicht nur, er lässt sich gleichzeitig von seinen Schülern unterrichten. Und zwar im Fach Menschenkenntnis.


„Es gibt drei Lerntypen“, hat er mir heute erklärt. „Den ersten, der am Anfang unheimlich stark ist, andere Kursteilnehmer fast schon in Ehrfurcht erstarren lässt – dann aber auf einem bestimmten Level stehen bleibt. Den zweiten, der sich von Anfang an kontinuierlich weiterentwickelt. Und den dritten, der anfangs –aus was für Gründen auch immer völlig blockiert ist und dann erst später mit seiner Entwicklung beginnt.“


Asiaten, und genau deswegen berichte ich über unsere Unterhaltung auch hier im China-Blog, seien ausnahmslos dem ersten Typ zuzurechnen. „Alle Asiaten, die in Frankfurt an die Musikschule kommen oder meine Kurse besuchen, sind anfangs wahnsinnig stark. Auch wenn sie vorher noch nie ein Instrument in der Hand hatten, hängen sie die anderen Teilnehmer in den ersten Stunden oftmals regelrecht ab.“


Seit Jahrzehnten beobachtet mein Gitarrenlehrer, selbst Vollblutmusiker, Komponist und Denker, seine Schüler. Und so hat er auch gleich eine Erklärung für den asiatischen Vorsprung parat: „Die können auswendig lernen. Und üben, üben, üben.“ Deutschen mangele es oft an genau dieser Disziplin. Eine Stelle wieder und wieder zu spielen, zu wiederholen, bis sie perfekt klingt – das liegt uns fern. Viel lieber wollen wir gleich das ganze Stück beherrschen und stolpern daher über schwierige Passagen einfach drüber.


Dass Chinesen Meister im Lernen sind, ist dabei eigentlich kein Wunder. Nicht nur, dass das Wissen, sich gegen 1,4 Milliarden andere Menschen durchsetzen zu müssen, um den perfekten Job, die perfekte Wohnung oder den perfekten Partner zu erhalten, einen unvorstellbaren Ehrgeiz auslöst – die Disziplin bekommen Kinder und Jugendliche schon früh mit auf den Weg. Die Lehrmethoden an den Schulen haben nichts mit den Gruppenarbeiten, Schülerreferaten und Power-Point-Präsentationen hierzulande gemeinsam. Auch heute noch steht in China vor allem eines auf dem Stundenplan: auswendig lernen. Die richtige Strichreihenfolge, das richtige Schriftzeichen, der richtige Gebrauch im Satz. Wenn man nicht nur ein Alphabet mit 26 Buchstaben, sondern einige tausend Schriftzeichen lernen muss, so funktioniert das nur mit diszipliniertem Lernen.


Früher war das Auswendiglernen im chinesischen Schulalltag sogar noch präsenter: Schon in der Grundschule wurden dort die Klassiker von Konfuzius und Co. gelehrt – und auswendig gelernt. Oft noch ohne die Bedeutung zu verstehen, wurden die Verse abgeschrieben, verinnerlicht und rezitiert. Dass unsere Grundschüler schon bei einer Hand voll Gedichte stöhnen, können die Asiaten nicht verstehen.


Kein Wunder also, dass diejenigen, die eine traditionell asiatische Erziehung genossen haben, erst einmal vorneliegen, proben sie die ersten Stücke doch diszipliniert, bis sie sitzen. „Aber“, hakt mein Gitarrenlehrer ein, „der Vorsprung bleibt keinesfalls. An einem bestimmten Punkt kreuzen sich alle Lerntypen. Und während zwei und drei weiter nach oben klettern, stagnieren die Asiaten auf einem Level.“


„Genau dann, wenn es darum geht, Stücke zu interpretieren, die eigene Arbeit kritisch zu reflektieren“, erklärt der erfahrene Lehrer entschieden. Musik sei eben mehr als nur Auswendiglernen – das reiche zwar am Anfang; um ein wirklich guter Musiker zu werden, benötige man jedoch auch die Fähigkeit, kritisch zu sein. Und sein Tun zu hinterfragen. Man muss die sture Übungsmethodik vielleicht überdenken, einem Stück eine eigene, ganz individuelle Note verleihen.


Und das können die Chinesen, so mein Gitarrenlehrer, eben nicht. Denn während man ihnen beibringt, sich mit eiserner Disziplin und kämpferischem Ehrgeiz eine gute Position innerhalb der 1,4 Milliarden Mitbürger zu verschaffen, lernen sie eben auch, nicht herauszustechen und sich innerhalb des lerneifrigen Volkes gut einzugliedern.


Ob mein Gitarrenlehrer wirklich recht hat und man aufgrund dieser Eigenschaften des Schulsystems wirklich jeden Asiaten Lerntyp eins zuordnen kann, weiß ich nicht. Ich finde es jedoch interessant, dass dies seine Eindrücke aus dem siebentägigen Lehralltag sind. Und vor allem beruhigt mich, dass ich wohl eher Lerntyp zwei entspreche. "Irgendwann wirst Du sie alle einholen", motiviert mich der Lehrer lächelnd - und fügt bedauernd hinzu: "Nur starten tust Du eben wesentlich schwächer."

 


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Konfuzius

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