Kleiner China-Knigge

von Jana Kötter, 6. März 2014

„Gibt es denn noch etwas, das ich beachten muss?“, fragte mich mein Papa, als ich mich am Abend vor seiner Geschäftsreise nach Guangzhou von ihm verabschiedete. Völlig unerwartet traf mich diese Frage, und so kramte ich in Sekundenschnelle in all den China-Schubladen in meinem Kopf.


„Immer lächeln und nett schauen.“ Ein Tipp, der übrigens auch für Deutschland gilt – in China jedoch ist er unverzichtbar. Schließlich wird das Land nicht umsonst „Land des Lächelns“ genannt. Und auch wenn viele Chinesen gar nicht so freundlich und dauerlächelnd sind wie es das Klischee hier vorsieht, so möchten sie doch nette Besucher und vor allem Geschäftspartner.


In China nicht weniger wichtig ist es aber, die Visitenkarte des Gegenübers ausreichend zu würdigen. Das habe ich bei meinem ersten Besuch 2008 schmerzlich in einem Gespräch mit einem Hoteldirektor lernen müssen. Meine Freundin Julia, die damals schon einige Wochen in Peking lebte, nahm die Karte mit beiden Händen entgegen, drehte und wendete sie, bestaunte sie, nickte dem Direktor nett lächelnd und voller Anerkennung zu. Ich China-Neuling jedoch verstaute die Karte, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, mit einer Hand in meiner Tasche – und wurde den gesamten Abend über keines Blickes mehr gewürdigt.


Wichtig, um sich den Respekt der Runde zu verdienen, ist auch das eigene Trinkverhalten. Gerade bei Geschäftsessen geht es in China oftmals feuchtfröhlich zu – da werden schon einige Flaschen des sehr gewöhnungsbedürftigen Baijiu-Schnapses geleert. Ruft einer der chinesischen Geschäftspartner dabei „Ganbei!“ (Prost!), dann sollte man dabei auch einstimmen und trinken. Alles andere wäre unhöflich. Kleiner Tipp für weniger trinkfreudige Besucher: Immer mittrinken, aber nur kleine Schlücke nehmen oder gar nur nippen (dabei aber lange ansetzen, versteht sich!). Immerhin weiß man nie, wie spät der Abend noch wird.


Last but not least wiederholte ich meine Mahnung, die ich in den vergangenen Wochen nicht oft genug wiederholen konnte: „Gehe auf keinen Geflügelmarkt. Fasse kein totes Hähnchen an. Und wenn Du es auch ohne schaffst, iss möglichst auch keines – man weiß ja nie.“ Immerhin macht sich die Vogelgrippe im Süden Chinas immer breiter.


Eine Sache habe ich bei meinem Last-Minute-Crashkurs allerdings verschwitzt, meinem Papa zu verraten: „Wenn Du keinen Durst mehr hast, trinke Dein Glas nicht leer.“ Denn während wir hier oftmals geneigt sind, Tasse oder Becher der Höflichkeit halber zu leeren und dann im Falle des Nachschenkens freundlich abwinken, bedeutet das leere Glas in China, dass es Dir geschmeckt hat. Und Du mehr möchtest. Dich „auf dem Trockenen“ sitzen zu lassen, wäre absolut unfreundlich.


So hat mein Papa den, wie er ehrlich gestand, „scheußlichen“ Tee immer wieder geleert. Und hat, brav meinem ersten Tipp folgend, immer nett gelächelt, wenn ihm sofort nachgeschenkt wurde. Der einzige Tipp, der hier aber geholfen hätte, wäre gewesen: „Lass etwas in Deinem Glas – und schon musst Du nicht mehr trinken.“


Tja, das ist eben China. Eine gute Vorbereitung ist das A und O. Doch einige Erfahrungen muss man einfach selber machen, sonst würde es nur halb so viel Spaß machen.

 

 

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