Der weise Beamte glaubt nicht alles

von Jana Kötter, 1. April 2014

Deine Tochter ist schwanger, Forscher in Hessen entdecken eine neue Tierart, die Queen führt in England den Rechtsverkehr ein: Heute darfst Du nicht alles glauben, was Dir erzählt wird. Es ist der 1. April – und damit stehen auch wieder allerhand Aprilscherze ins Haus. Dabei ist das keine neue Tradition. Schon im alten China hat der König seine Minister hereingelegt.

 

Wo der Aprilscherz seinen Ursprung hat, darüber kursieren allerhand Geschichten – die zum Teil vielleicht selber nur mit einem Augenzwinkern zu nehmen sind. In der christlichen Überlieferung wird der 1. April mit dem Geburtstag des Judas Ischariot in Verbindung gebracht – und der verriet Jesus Christus schließlich. Andere sehen den Ursprung im Augsburger Reichstag, wo 1530 das Münzwesen geregelt werden sollte. Für den 1. April wurde dabei ein besonderer „Münztag“ ausgeschrieben – doch als das Datum schließlich kam, fand dieser nicht statt. Zahlreiche Spekulanten verloren ihr Geld und wurden ausgelacht. Und auch das bekannte Aprilwetter („April, April kann tun, was er will …“) wird immer wieder als Erklärung für den Brauch des Aprilscherzes herangezogen.

 

Nun kommt noch eine Theorie hinzu: Der 1. April mit seiner Tradition des Aprilscherzes kommt ursprünglich aus China, erklärt der Gemeinschaftsblog Anthill. Und zwar mündet er demnach in der Zeit der Streitenden Reiche (475 bis 221 v. Chr.).

 

Damals soll der König der Chu Probleme gehabt haben, zu entscheiden, welcher seiner Lieblingsminister denn nun die Position des höchsten Richters bekommen sollte. Da griff der König zu einem besonderen Trick: Er erzählte den Ministern eine hanebüchene Geschichte. Und prüfte so, wer von ihnen sie glaubte.

 

Die Soldaten des Königreichs Qin, so der König, hätten gelernt zu fliegen – das hätten ihm seine Spione verraten. Mit der Hilfe eines bestimmten Stocks (棒 bàng), der auch als Waffe genutzt wurde, würden sie in die Lüfte gehen. Ob das nicht auch seine Minister lernen und den eigenen Soldaten beibringen könnten?

 

Die ersten drei Minister versprachen dem König sofort, seinen Wunsch umzusetzen. Und huschten davon, um mit dem Stock fliegen zu lernen. Der vierte hingegen glaubte nicht, dass man mit einem Stock fliegen könne – und meldete, diplomatisch genug, nicht den König selbst zu kritisieren, Zweifel an der Fähigkeit der königlichen Spione an. Der König der Chu, beeindruckt vom klaren Verstand des Ministers, beförderte ihn und machte ihn damit zu seiner rechten Hand.

 

愚人节 (yúrénjié), wörtlich das “Fest der Idioten”, feiert man in China noch heute. Am ersten Neumond im dritten Monat des Mondkalenders erzählen sich Familien und Freunde dabei Geschichten, um sich gegenseitig hereinzulegen – und um zu prüfen, wer eben nicht alles glaubt. So wie wir am 1. April.


Ob die Begebenheit aus der Geschichte “Der weise Beamte vermeidet, als Dummkopf da zu stehen” (智官避愚, zhìguānbìyú) tatsächlich den Ursprung des Aprilscherzes darstellt oder nicht, das wird vermutlich ein Rätsel bleiben. Fest steht aber in jedem Fall, dass es die Tradition des Märchenerzählens nicht nur bei uns gibt. In China ist der Brauch im vergangenen Jahrhundert zwar immer mehr in Vergessenheit geraten – aber gerade in ländlichen Gegenden in den Provinzen Henan und Anhui wird der 愚人节 noch heute begangen.

 

Auch wenn die Geschichten dort nicht mit dem für uns typischen „April, April!“ aufgelöst werden.

 

 

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