"Evidence"-Ausstellung öffnet ohne Ai Weiwei

von Jana Kötter, 3. April 2014

Für den Künstler Ai Weiwei hat das heutige Datum eine besondere Bedeutung. Der 3. April ist in diesem Jahr nicht nur der Tag, an dem im Berliner Martin-Gropius-Bau seine weltweit größte Ausstellung eröffnet wird. Der 3. April war vor genau drei Jahren auch der Tag, an dem er festgenommen, für 81 Tage an einem unbekannten Ort festgehalten und danach –ohne dass je offiziell eine Anklage erhoben wurde– unter Hausarrest gestellt wurde.

 

Auch das macht der regimekritische Künstler in Berlin nun zum Thema. Seine Ausstellung „Evidence“, zu Deutsch „Beweis“, soll dem Zuschauer Beweise liefern für den Fall Ai Weiwei, für sein Schicksal, für das Vorgehen der chinesischen Regierung. So hat der Künstler beispielsweise seine Gefängniszelle originalgetreu nachgebaut, gemeinsam mit konfisziertem Büromaterial oder dem aus Marmor gefertigten Modell einer Überwachungskamera soll sie die Repressalien der chinesischen Staatsgewalt darstellen.

 

Für Ai Weiwei hat der Tag aber auch eine besondere Bedeutung, weil seine weltweit größte Ausstellung in Berlin eröffnet – und er nicht dabei sein kann. Denn die chinesische Regierung behält nach wie vor Ai Weiweis Pass ein. Trotz kritischer Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck beim Besuch von Chinas Staatschef Xi Jinping, trotz einer erneuten Anfrage des Künstlers selbst. Er hatte in den vergangenen Tagen oft genug betont, dass er auf gepackten Koffern sitze – und nur auf seinen Pass warte, um nach Berlin zu reisen.

 

Ai Weiwei wartet bis heute. Der Eröffnung der Ausstellung wird er nur per Videokonferenz zugeschaltet.

 

Der Künstler vergleicht sich mit einem seiner Werke, der Installation von 6000 Hockern („Stools“), die Tausende von chinesischen Familien in Chinas ländlichem Norden bei ihrer Umsiedlung in die Stadt zurückgelassen haben. Es gebe Millionen von ihnen, erklärt der Künstler in der Dokumentation „Ai Weiwei – Evidence“, die Arte und ZDF zur gleichnamigen Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau produziert haben. „Aber nur einige von ihnen sind eben dazu bestimmt, in Berlin gezeigt zu werden – andere sind es nicht. So wie ich.“

 

Die Tatsache, dass seine Kunst reisen dürfe, er jedoch nicht, sei seltsam, erzählt Ai Weiwei in dem 55-minütigen Film. Etwa die Hälfte der Werke im Gropius-Bau hat er eigens für die Ausstellung geschaffen. Neben den 6000 Hockern werden auch 3500 handgefertigte Flusskrebse aus Porzellan in Reih und Glied gelegt. Die Flusskrebse heißen auf Chinesisch "hexie", was genauso ausgesprochen wird wie "Harmonie" - eine ironische Anspielung auf die chinesische Propagandaidee der "harmonischen Gesellschaft".

 

Insgesamt werden in 18 Räumen 3000 Quadratmeter bespielt. Dass die Ausstellung ein wahrer Publikumsmagnet werden wird, daran besteht kein Zweifel. Ai Weiwei ist im Westen ohnehin ein beliebter Künstler – vielleicht auch, weil sein Schicksal dem Westen hilft, Chinas Regierung kritisch zu bewerten. Die Tatsache, dass der Künstler während der Ausstellungseröffnung nun weiter unter Hausarrest steht und nicht nach Berlin reisen darf, wirkt dabei wie das bittere i-Tüpfelchen auf seiner Geschichte. Und stachelt damit nicht nur das Publikumsinteresse noch einmal doppelt an, sondern besiegelt auch seinen persönlichen Unglückstag des 3. April.

 

 

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