Schwarze Kohle, dünne Übersetzung

von Jana Kötter, 17. Februar 2014

Es ist ein düsterer, ein harter Krimi, den der chinesische Regisseur Yinian Diao mit "Bairi yanhuo" produziert hat. Dass er für sein Werk mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet würde, damit hatte im Vorfeld wohl niemand wirklich gerechnet – und doch feierte das chinesische Werk bei der 64. Berlinale an diesem Wochenende den unglaublichen Triumph.

 

Die Jury hat mit ihrer Entscheidung überrascht, stehen für gewöhnlich doch Werke mit sozialkritischer Botschaft oder ungewöhnlichem Regiekonzept auf der Favoritenliste – und Regisseur Diao hat in Berlin immerhin selber gestanden: "Eine besondere politische Bedeutung hat der Film nicht."

 

Nicht nur deshalb zeigten sich viele Filmkritiker erstaunt über die insgesamt vier Auszeichnungen für Asien, die vom Goldenen Bären für Diao angeführt wurden. Denn die Ehre für China ist eine Seltenheit: Sieben Jahre ist es her, dass der Goldene Bär zuletzt an eine chinesische Produktion verliehen wurde – damals war es "Tuya de hunshi", ein Drama von traditionell lebenden Hirten, deren Lebensform durch den raschen wirtschaftlichen Wandel, Verstädterung und ökologische Probleme in Frage gestellt ist. "Das Abschneiden chinesischer Filme bei internationalen Filmfestivals war bislang betrüblich, aber in einer solchen Nacht fühlen wir uns stolz und ermutigt", kommentierte am Sonntag das chinesische Webportal Sohu.com.

 

Bei all der Überraschung über den Triumph des chinesischen Filmemachers haben jedoch alle deutschen Medien, Filmkritiker und Festival-Beobachter eines übersehen: dass die in Deutschland verwendete Übersetzung "Schwarze Kohle, dünnes Eis" zwar durchaus den englischen Filmtitel "Black Coal, Thin Ice" korrekt wiedergibt, jedoch keinesfalls den chinesischen Originaltitel.

 

Die vier Zeichen 白日焰火 sind nicht, wie durch die Bank weg geschehen, als vier Worte zu lesen ("Bai Ri Yan Huo"). Und als diese schon gar nicht 1:1 als "Schwarze Kohle, dünnes Eis" zu übersetzen.

 

Vielmehr müssen die vier Schriftzeichen als zwei Worte gelesen werden: "Bairi yanhuo". 白日, bairi, heißt so viel wie tagsüber, am hellen Tag (wörtlich: weißer Tag). Und 焰火, yanhuo, bedeutet "Feuerwerk". Der Originaltitel lässt sich also als "Tagsüber Feuerwerke" oder "Feuerwerk am helllichten Tag" übersetzen, nur die englische Übersetzung "Black Coal, Thin Ice", die wohl auch aus ästhetischen Gründen gewählt wurde, bedeutet tatsächlich "Schwarze Kohle, dünnes Eis".

 

Dabei hat der Regisseur einst großen Wert auf den Originaltitel gelegt und das "Feuerwerk am helllichten Tag" gewählt, weil dieses ein bestimmtes Gefühl, einen Gemütszustand beschreiben soll.

 

Laut der chinesischen Webseite ent.qq.cn erklärte Diao den englischen Filmtitel in einem Interview: "Kohle und Eis gehören beide in den Bereich der Realität, aber Feuerwerk am helllichten Tag ist etwas Fantastisches, Unreales; es sind zwei Seiten der gleichen Medaille.“ Der chinesische Originaltitel und die englische (und somit auch deutsche) Übersetzung verknüpfen damit das Spannungsfeld zwischen Realität und Fantasie, das in seinem Film eine zentrale Rolle spielt. Darüber hinaus spielt der Titel auf zwei entscheidende Schauplätze an: Kohletransporter und eine Eislaufbahn.

 

Der Krimi spielt in einer Kleinstadt im Norden Chinas, wo im Sommer 1999 in mehreren Kohleanlagen Leichenteile entdeckt werden. Bei dem Versuch, einen Verdächtigen festzunehmen, sterben zwei Polizisten, ein weiterer namens Zhang Zili wird verletzt. Für die Rolle des gescheiterten Ermittlers, der nach seiner Suspendierung einen Job als Sicherheitsfachkraft antritt und beginnt zu trinken, hat Schauspieler Fan Liao übrigens einen Silbernen Bärenerhalten – und damit den zweiten chinesischen Triumph des Filmfestivals gefeiert.

 

Diaos Film, eine packende Ermittlergeschichte, ist ein Film über Mord, Gewalt, Rache, Liebe und Sex. Er verweist auf soziale Missstände, bringt den versoffenen Ermittler Zahng Zili mit einer Femme Fatale zusammen, ist böse, kühl und brutal. Die Bilder, die Elemente des Thrillers mit denen des Film noir der 1940er Jahre vereinen, packen den Zuschauer bereits von der ersten Sekunde an, lassen ihn nicht mehr los und zeigen ihm dabei ein düsteres Bild vom China der Gegenwart. "China ist in einer Zeit großer Wandlungen", erklärte Diao den Hintergrund. "Manche Verbrechen wirken auf mich wie ein Spiegel unserer Gegenwart."

 

Mit seinem Werk -ganz gleich, ob man es nun "Bairi yanhuo", "Black Coal, Thin Ice" oder "Feuerwerk am helllichten Tag" nennt- hat er ein Werk geschaffen, bei dem keine Sekunde der Langeweile herrscht. Und das sich den Goldenen Bären, Fehlübersetzung hin oder her, allemal verdient hat.

 

 

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