#TAM25: Das blutige Ende friedlicher Wochen

von Jana Kötter, 4. Juni 2014

 

Schon seit dem Abend ist das Chaos ausgebrochen. Es war gerade 21 Uhr, da bewegten sich die Soldaten in voller Ausrüstung mit Schützenpanzern aus allen Richtungen auf den Tiananmen-Platz im Herzen der Stadt zu. Auf der dritten Ringstraße stießen sie auf eine Barrikade, Steine flogen. Das Militär schoss mit scharfer Munition auf die Menge, die ersten Toten. Zwei Soldaten, die von den Lastwagen abgesprungen waren, wurden von der erzürnten Menge gelyncht.

 

Nun, fast 12 Stunden später, am Morgen des 4. Juni 1989, ist das, was als Tiananmen-Massaker in die Geschichte einging, zu einem großen Teil vorüber. Der Platz selber ist mittlerweile leer – doch bis dahin war es ein langer, blutiger Weg.

 

Vor allem im Westen der Stadt stießen die anrollenden Soldaten am Abend des Vortages auf entschiedenen Widerstand und brennende Barrikaden, und mit fortschreitender Konfrontation wurde der Schusswaffeneinsatz gegen die Menge immer verbreiteter und rücksichtsloser. Unbeteiligte wurden ebenso beschossen wie Personen, die versuchten, Verletzte zu bergen.

 

Gegen Mitternacht trafen die ersten Soldaten auf dem Tiananmen-Platz ein, der jetzt nur noch von etwa 5000 Studenten besetzt war. Der Großteil der Demonstrierenden hatte bereits in den Tagen zuvor aufgegeben, zu groß war die Angst vor der staatlichen Gewalt, die immer wieder angedroht wurde. Seit Tagen versuchten militärische Kräfte, zum Platz vorzustoßen, Warnungen an die Studenten wurden über Lautsprecher verbreitet.

 

Schon kurz nach der Ankunft der Soldaten stand der Platz in Flammen – die Zeltstadt der Studenten hatte von den fliegenden Molotowcocktails Feuer gefangen. Die Panzer zogen sich etwas zurück; bis 3 Uhr morgens hielt die Armee den Platz umzingelt und bereitete sich auf die Räumung vor.

 

Unter den Demonstranten hatte inzwischen Hou Dejian, ein in China populärer Sänger und Komponist, eine führende Position übernommen und war mit dem Kommandanten der Truppen, Ji Xingguo, in Verhandlungen eingetreten, um einen freien Abzug zu erreichen. Hou Dejian verkündete den Demonstranten, dass sie bis 7 Uhr morgens den Platz über die Süd-Ost-Ecke verlassen sollten. Wer danach noch auf dem Platz wäre, würde von den Militärs niedergewalzt und zusammengeschossen.

 

Tatsächlich hatten um 5 Uhr auch die letzten Hungerstreikenden den Platz geräumt. Auf dem Tiananmen-Platz kam es laut verschiedenster Quellen zu keinen Gewalteinwirkungen.

 

Bei den Kämpfen in der gesamten Innenstadt jedoch sind in dieser Nacht im Zuge der brutalen Niederschlagung der Protestbewegung, die in den vergangenen Wochen friedlich verlief, wohl mehrere tausend Menschen gestorben. Wie viele es genau waren, das weiß niemand; die Schätzungen gehen weit auseinander.

In einem offiziellen Bericht der Volksbefreiungsarmee ist von über 200 toten Soldaten und Zivilisten die Rede, darunter 36 Studenten, mehr als 3000 Menschen seien verletzt worden. Amnesty international (AI) nennt diese offiziellen Zahlen in einem rund ein Jahr später erschienenen Bericht eine grobe Unterbewertung; die Menschenrechtsorganisation kommt ebenso wie viele internationale Nachrichtenagenturen seinerzeit auf mehrere hundert bis mehrere tausend Tote.

 

Und mit der Räumung des Platzes waren die Kämpfe noch nicht beendet. Die Unruhen setzten sich nur einen Tag später, am 5. Juni, fort, bei mehreren Konfrontationen zwischen Militär und Menschenmengen wurden erneut Schusswaffen eingesetzt...

 

 

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Glückskeks der Woche

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Konfuzius

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