#TAM25: Die richtige Bezeichnung

von Jana Kötter, 9. Mai 2014

 

Als Tiananmen-Massaker ging die gewaltsame Niederschlagung des Volksaufstandes in China am 4. Juni in die Geschichte ein. Doch wie bei allem, über das wir nur ungern reden, das einen tragischen Vorfall in der Geschichte der Weltpolitik darstellt, bei dem viele Menschen ums Leben kamen, eiern wir hin und wieder ganz schön herum, wenn es zur richtigen Bezeichnung kommt.


Ist denn „Massaker“ überhaupt gerechtfertigt? Immerhin sind sich viele Historiker heute einig, dass es zumindest auf dem namensgebenden Tiananmen-Platz, dem Platz zum Himmlischen Frieden, keine Todesfälle gab. „Tiananmen-Massaker“ wäre also genau genommen nicht korrekt.


Der Begriff wurde damals vor allem von der Berichterstattung der westlichen Medien geprägt. Korrespondent Roth, der mit seinem Team des Senders CBS (Central Broadcasting System, ein damaliger Radiosender aus Taiwan) zu den letzten Journalisten auf dem Platz gehörte, gab 2009 selber zu: „Es gab kein Massaker auf dem Tian’anmen-Platz.“ Die Schüsse, die die Journalisten hörten, die Bluttaten, die sie sahen, fanden statt – jedoch nicht unmittelbar auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens, sondern beispielsweise vor ihrem Hotel, das knapp einen Kilometer weit entfernt lag.


Auf der anderen Seite jedoch ist der Ausdruck „Zwischenfall vom 4. Juni“, der vor allem im chinesischen Sprachraum verwendet wird (六四事件, liu-si shijian), viel zu verharmlosend. Einen Zwischenfall definiert der Duden als „unerwartet eintretendes (häufig unangenehm berührendes, peinliches) Vorkommnis, das den Ablauf der Ereignisse unterbricht“. Gemeint können damit auch „Unruhen, Tumulte“ sein – ja, das stimmt im Fall des 4. Junis 1989, als das chinesische Militär die Proteste der Bevölkerung im Herzen Pekings niederschlug. Es ist aber nicht genug.


Denn während die Demonstranten vom Tiananmen-Platz womöglich auch ohne Todesfälle vertrieben wurden, kam es bei der Niederschlagung des Aufstands in anderen Teilen der Stadt jedoch zu zahlreichen blutigen Auseinandersetzungen, die tödlich endeten: Nach Angaben von Amnesty International kamen dabei zwischen mehreren hundert und mehreren tausend Menschen ums Leben. Presseberichte, die sich auf Quellen im chinesischen Roten Kreuz berufen, kamen auf die Angabe von 2600 Toten auf Seiten der Aufständischen und des Militärs und rund 7000 Verletzten im Laufe der Woche und in ganz Peking.


Man kann die Niederschlagung der bis zu diesem Zeitpunkt weitestgehend friedlich verlaufenen Proteste also durchaus als „Massaker“ bezeichnen. Um dabei ganz genau zu sein, müsste man wohl „Massaker, das in ganz Peking im Zuge der Niederschlagung der Demonstrationen auf dem Tiananmen-Platz geschah“ sagen. Weil das aber mehr als ungelenk klingt, ist es meines Erachtens vollkommen angebracht, vom Tiananmen-Massaker zu sprechen – so wie es zumindest in unseren Breitengraden auch üblich ist.

 

 

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