#TAM25: So geht Reflektion

Kommentar von Jana Kötter, 4. Juni 2014

 

25 Jahre sind seit der blutigen Niederschlagung der Studentenbewegung auf dem Tiananmen-Platz vergangen. Es ist ein trauriger Jahrestag – ein Jahrestag, den wir vor allem hier im Westen begehen. In China selbst ist das, was am 4. Juni 1989 geschah, kein Thema. Zumindest nicht offiziell.

 

Den Älteren, die sich an „liu si“ (sechs vier, in Anlehnung an das Datum) erinnern, womöglich selber auf dem Platz waren oder hier ihren Sohn, ihre Tochter, verloren haben, ist es verboten, darüber zu sprechen. Seit Wochen hat Peking die Sicherheitsvorkehrungen erhöht, die Internetzensur verstärkt, prominente Aktivisten öffentlichkeitswirksam verhaften lassen, den Tiananmen-Platz im Herzen der Stadt unter Totalüberwachung gestellt.

 

Die Jüngeren, die heute so alt sind wie die Toten des 4. Juni 1989 es damals, als sie für die Demokratie eintraten, waren, interessieren sich oft nicht einmal für diesen dunklen Fleck in Chinas Geschichte. Zu erfolgreich war die Regierung, das Tabu-Thema in den vergangenen zwei Jahrzehnten systematisch auszulöschen: Es wird darüber kein Wort verloren in Geschichtsbüchern, Schule und Medien. 620 Millionen Menschen surfen in China Tag für Tag im Internet – und keiner von ihnen liest etwas über den 4. Juni 1989. Aufarbeitung des Massakers? Fehlanzeige.

 

Dabei ist die Gefahr eines zweiten „Tiananmen“ aktueller denn je zuvor.

Denn die Jungen mögen sich zwar nicht erinnern. Doch ihre Realität ist von dem der damaligen Demonstrierenden nicht weit entfernt: Ihr Wohlstand ist gewachsen, sie mögen ein iPad, ein eigenes Auto, Visa für die ein oder andere Auslandsreise im Pass haben. Doch der Unmut ist – heute ebenso wie vor 25 Jahren – groß: Umweltverschmutzung, Korruption, die ständig präsente Staatsgewalt mit ihrer Zensur.

 

Der Wohlstand der Bevölkerung ist seit Tiananmen gewachsen. Die individuellen Freiräume sind es nicht. Dass sich die junge Generation gegen das System auflehnen wird wie es einst die Studenten im Sommer 1989 getan haben, ist deshalb nur eine Frage der Zeit – sofern die Regierung weiter auf ihrem Kurs beharrt.

 

Je deutlicher Xi Jinping und seine Parteispitze die Gefahr des Protests, der Erinnerung spüren, desto enger zurren sie die Leine, an dem die fast 1,4 Milliarden Chinesen laufen. Jede Barrikade, jede Sicherheitskontrolle, die in diesen Tagen um den Tiananmen errichtet wurde, ist ein Zeichen von Angst; selten zeigt sich das sonst stets so stark wirkende politische China so schwach wie in diesen Tagen. Denn Peking weiß, dass es sich derzeit in einer Sackgasse befindet. Und das Wenden, ganz gleich wie viele Züge es benötigen würde, ginge immer in Richtung Demokratisierung.  

 

Dabei ist es, spricht man es einmal ganz flapsig aus, doch wie bei allem im Leben: Was verboten ist, wird nur noch interessanter. Das fängt bei dem Kind und den Süßigkeiten an und hört bei dem Bürger und der freien Meinungsäußerung auf. Die Regierung täte deshalb gut daran, denjenigen, die erinnern wollen, Platz einzuräumen. In Hong Kong gingen heute fast 100.000 auf die Straße, um an den 4. Juni 1989 zu erinnern – friedlich. Morgen werden die Massen wieder aufgelöst sein, die Menschen, denen es erlaubt war, so öffentlich zu gedenken, werden zufrieden sein, und das Leben in der Sonderverwaltungszone weitergehen.

 

Die chinesische Regierung bräuchte davor keine Angst zu haben. Im Gegenteil: Für Xi wäre es eine einmalige Chance, sich als der Reformer zu präsentieren, der er sein will. Sein Feldzug gegen die Korruption kommt in der Bevölkerung gut an, jüngst wurden bedeutende Schritte im Klimaschutz verkündet. Die eigene Vergangenheit offen aufzuarbeiten und denjenigen, die erinnern wollen, das Recht dazu einzuräumen, das wäre eine Reform, die Xi in die Annalen eingehen lassen würde – und ihm dabei sogar im Westen Verdienste bringen würde, wo der Jahrestag seit 25 Jahren lebhaft diskutiert wird.

 

Hong Kong zeigt heute, wie Reflektion aussieht – und wie friedlich Gedenken ablaufen kann. Chinas Spitze täte gut daran, den Jahrestag des Tiananmen-Massakers nicht als Gefahr, sondern als Möglichkeit der Neuerfindung zu erkennen.

 

 

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