China soll die USA noch dieses Jahr überholen

von Jana Kötter, 30. April 2014

Bereits zum Ende dieses Jahres soll Chinas Wirtschaft die größte der Welt sein. Das titeln heute die Financial Times und The Economist. Demnach haben die beiden Wirtschaftsblätter Daten nach 2011 neu ausgewertet und sind damit zu dem Ergebnis gekommen, dass China die USA bereits 2015 eingeholt haben soll – und nicht wie bisher erwartet 2019.


Das International Comparison Programme (ICP), ein Programm der Vereinten Nationen, hat heute Daten veröffentlicht, die die Lebenshaltungskosten in 199 Ländern im Jahr 2011 darstellen. Diese sogenannte Purchasing-Power Parity (PPP, Kaufkraftparität), also quasi die Kosten für Produkte und Dienstleistungen in verschiedenen Ländern, wurde bisher noch nicht berücksichtigt, wenn man Prognosen für Chinas Wirtschaftswachstum ablieferte. Doch da Chinas PPP-Wechselkurs bisher nur auf der Basis von Daten aus dem Jahr 2005 geschätzt wurde und in Wahrheit 20 Prozent höher liegt, mussten die Prognosen nun korrigiert werden.


Kritiker halten den Wirtschaftsexperten jedoch vor, mit den Statistiken gespielt zu haben. Beispielsweise gibt es verschiedene Faktoren, die bei der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) berücksichtigt werden können – oder eben nicht. So ergibt sich ein Spielraum, der China in einigen Berechnungen bereits heute die größte Wirtschaft werden lässt.


Das beachtliche Wirtschaftswachstum Chinas können dabei auch die Kritiker nicht von der Hand weisen: Seit der Öffnung des Landes durch die Reformen von Deng Xiaoping in den späten 1970er Jahren hat sich China innerhalb der vergangenen Jahrzehnte zur “Werkbank der Welt” entwickelt. 1993 lag Chinas BIP bei 8 Prozent des amerikanischen, noch 2005 hatten Experten errechnet, dass Chinas Wirtschaft nur halb so groß wie jene der USA sei. Mit Bewunderung und Schrecken schaute man in den Osten, wo die Ökonomie in diesen Jahren alljährlich im zweistelligen prozentualen Bereich wuchs. Auch trotz eines mittlerweile gebremsten Wachstums von „nur“ noch rund sieben Prozent wächst Chinas Wirtschaftskraft weiter.


Dabei geht es natürlich stets um die absolute Größe der chinesischen Wirtschaft, nicht um eine Pro-Kopf-Verteilung. Auch die neue Prognose, dass sich China bereits 2015 zur führenden Weltwirtschaft entwickeln haben wird, geht um die absolute Größe der Wirtschaft. Denn noch immer gleichen viele ländliche Gebiete Entwicklungs- oder im besten Fall Schwellenländern, während die Küstenregionen und der industrialisierte Süden boomen. Geht es um Indikatoren wie das Pro-Kopf-Einkommen, hechelt China den USA folglich noch bei weitem hinterher.


Nichtsdestotrotz: In amerikanischen Nachrichtensendungen und zahlreichen Internetplattformen hat die Nachricht –auch weil das eben nicht immer beachtet wird- für große Diskussionen gesorgt. Auch wenn die Experten in Wahrheit womöglich nur an einigen Statistiken „gebastelt“ und die ein oder andere Zahl hinzugezogen haben, wird die Nachricht wohl als wahrer „Game changer“ verkauft – und könnte so auch an den Börsen Folgen haben.


Denn ob es tatsächlich bereits 2015 geschehen wird oder erst in einigen Jahren: China wird die USA –zumindest in der absoluten Größe der Wirtschaft- über kurz oder lang überholen, das steht fest. Übrigens würde damit wieder der Zustand hergestellt, der bis 1890 herrschte: Denn noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war China tatsächlich die größte Weltwirtschaft. Dass den Westen der Rückgang zu diesem Zustand nicht besonders erfreut, liegt wohl auf der Hand. Ganz gleich, wann es letztlich wirklich soweit ist.

 

 

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