Gebremster Drache

von Jana Kötter, 4. Februar 2014

Denkt man an die Entwicklung Chinas während der vergangenen Dekaden, so denkt man an Wachstum. Doch nun, nach satten Erfolgsjahren, knickt die Wachstumskurve ein - nur ein vorübergehender Trend oder eine dauerhafte Entwicklung?

 

Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas scheint eine Erfolgsgeschichte zu sein, wie es sie nicht noch einmal gibt: Vom armen Riesen mutierte das Land zum wirtschaftlich erstarkten Global Player, und das in nur wenigen Jahrzehnten. Seit den späten 1970er Jahren und dem ökonomischen Reformkurs Deng Xiaopings legte der „Drache“ ein wirtschaftliches Wachstum mit beeindruckender Rasanz hin. Bereits 2004 sprach die New York Times deswegen vom „chinesischen Jahrhundert“.


Seit vergangenem Jahr ist China die größte Handelsmacht der Welt, Experten gehen davon aus, dass die Gesamtwirtschaftsleistung in spätestens fünf Jahren die der USA übertreffen wird. Trotzdem: Die Zeiten des wirtschaftlichen jährlichen Wachstums im zweistelligen Bereich ist vorbei. Waren es in den Bestzeiten rund 14 Prozent, waren es im vergangenen Jahr noch knapp acht. Und diese Entwicklung macht vielen Angst – denn ein Wirtschaftseinbruch in China hätte gravierende Folgen für die gesamte Weltwirtschaft.


Dabei galt das Land gemeinsam mit den anderen Schwellenländern Indien, Brasilien und Russland lange als neue Lokomotive eben dieser. Aufgestellt hatte diese These der Investmentbanker Jim O’Neill, der diese starke Gruppe BRIC-Staaten (nach den Anfangsbuchstaben der Länder) taufte – und auf diese, nach den Terroranschlägen des 11. September und dem darauffolgenden Knick in der Wirtschaft Europas und Amerikas, alle Hoffnungen setzte.


Sein Konzept schien aufzugehen: Von 2001 bis 2013 stieg die Wirtschaftsleistung der Staatengruppe von etwa drei Billionen auf 15 Billionen Dollar, skizzieren die Spiegel-Autoren Erich Follath und Martin Hesse in der aktuellen Ausgabe ("Die zweite Welle", Der Spiegel 6/2014, 82-84). Die aktuellen Entwicklungen nennen sie eine „Entzauberung der Erfolgsverwöhnten“. Die Wachstumsrate der BRIC-Gruppe halbierte sich, gemessen an ihren Bestzeiten. China liegt bei knapp acht Prozent, Indien ist von zehn auf fünf gerutscht und in Brasilien sind es gerade einmal drei Prozent – im Vergleich zu früheren sechs. „Was ist passiert – sind die Aufsteiger ausgebremst, oder erleben sie nur eine Delle? Wird, was einst vielleicht schöngemalt wurde, nun übertrieben schlechtgeredet?“, fragen Follath und Hesse.


Dass diese „Delle“ irgendwann kommen musste, war vorauszusehen – und vermutlich wird das Wachstum auch nie wieder auf die Zahlen der Bestzeiten klettern. Denn mit dem Wirtschaftswachstum kam –zumindest in Teilen des Landes auch der Wohlstand, und damit die Forderungen an die Zentralregierung in Peking. Auch wenn viele Chinesen noch nicht von der Stärke des Landes protestieren, so muss sich Präsident Xi Jinping zunehmend um „weiche Faktoren“ wie Bildungs- und Krankensystem oder den Umweltschutz kümmern. Die Löhne steigen vielerorts, der Staat muss für Pensionen sorgen. Die Bürger erkennen sehr wohl den zunehmenden Reichtum ihres Landes - und fordern ihren Teil davon. Und viele halten auch nicht mehr still, sollte sich die Regierung dagegenstellen. Was droht, sind somit Proteste und sozialer Aufruhr. Und das bedeutet für Xi notgedrungen Reformen, die ein Wirtschaftswachstum im zweistelligen Bereich unmöglich machen.


Der Weg vom armen Riesen zum wirtschaftlich starken, gesamtgesellschaftlich betrachtet jedoch immer noch in der Mittelklasse spielenden Akteur (noch immer konzentriert sich die wirtschaftliche Stärke des Landes auf wenige Städte im Süden sowie die starken Küstenregionen; weite Teile des Landes sind noch immer unterentwickelt), ist eben einfacher als der bis hinauf in die Liga der Industriestaaten. Will China diesen Aufstieg tatsächlich schaffen, muss die Wachstums-Delle zunächst hingenommen und rechtsstaatliche Reformen durchgesetzt werden - erst dann kann das wirtschaftliche Wachstum wieder zulegen.

 

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Weitere Informationen zur Entwicklung der BRIC-Staatengruppe sowie der Frage, wie es mit Chinas Entwicklung weitergehen könnte, gibt es im aktuellen Spiegel (6/2014), S. 82-84 "Die zweite Welle" von Erich Follath und Martin Hesse.

 

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