Ni hao, Hessen!

von Jana Kötter, 6. Februar 2014

Mit 1,3 Milliarden Menschen bietet China einen Absatzmarkt wie kein zweites Land der Welt - und wird damit auch für hessische Investoren immer attraktiver. Das Interesse an einer Zusammenarbeit ist jedoch keinesfalls einseitig.

 

Es liegt im Herzen Europas, verfügt über sichere Grenzen, eine stabile Wirtschaft und großes Potenzial: Das ist Hessen aus der Sicht vieler chinesischer Investoren. Das Bundesland genießt ein glänzendes Ansehen bei Geschäftsmännern aus Fernost, die hier in bestehende Firmen investieren, sie übernehmen oder neue Unternehmen aufbauen.


450 chinesische Unternehmen gibt es alleine im Rhein-Main-Gebiet. „Die Zahl steigt stetig“, weiß Sonja Müller vom China Competence Center, das von den Industrie- und Handelskammern (IHK) Frankfurt und Darmstadt ins Leben gerufen wurde. „China ist nach den USA das zweitwichtigste Herkunftsland ausländischer Direktinvestitionen in Hessen.“


„Deutschland gilt aus chinesischer Sicht als sicherer Standort“, erklärt Klaus Minkel (CDU). Der Bad Vilbeler Stadtrat weiß das aus eigener Erfahrung, war die Stadt im Wetteraukreis doch das jüngste Beispiel für chinesisches Interesse an Hessen. „Im regelmäßigen Kontakt mit den Investoren geht es nicht nur um die Grundstücke selbst, sondern auch um das allgemeine Interesse an der Region“, erzählte Minkel während der Verhandlungen. Der Investor Changqing Lu wollte mit angeblich insgesamt 700 Millionen Euro im Bad Vilbeler Gewerbegebiet Quellenpark einsteigen – es wäre eine der größten chinesischen Investitionen, die in Hessen bisher getätigt wurden. Doch mit dem Ende der Frist war die Zahlung Ende 2013 noch immer nicht auf dem Konto der Stadt Bad Vilbel eingegangen. Und so platzte der Traum vom chinesischen Geldsegen genau so plötzlich, wie er aufgekommen war.


Und damit steht Bad Vilbel nicht alleine da: 2006 platzte im Kurort Bad Orb die Hoffnung, ein Unternehmen aus Shanghai könne dort ein Kurhotel errichten. Auch hier fand die vertraglich vereinbarte Investition über 23,5 Millionen Euro jedoch nie statt.


Nichtsdestotrotz: Hessen ist auch für solvente chinesische Geschäftsleute ein durchaus interessantes Ziel. Die politische Instabilität im kommunistisch regierten China beschleunigt das Interesse an Investitionen im Ausland, weiß die in Bad Vilbel lebende Journalistin Yiyuan Zhou. „Politische Unruhen ändern die gesamte Gesellschaft. Menschen, die Geld haben, haben Angst, es zu verlieren.“ Gemeinsam mit dem offiziellen Anti-Korruptions-Kampf der Regierung, den Staatspräsident Xi Jinping propagiert, münde diese Angst in eine extreme Kapitalflucht. Ein Land wie Deutschland erscheine dann plötzlich umso attraktiver.


„Das Geschäft mit China birgt keinesfalls mehr Risiken als das mit anderen Nationen“, betont dabei Alfred Schmidt, Präsident des Netzwerks Hessen-China. „Wichtig ist nur, dass die Hessen die kulturellen Hintergründe kennen.“ Das sei aber auch im Geschäft mit Frankreich, Spanien oder Italien nötig. Bedenke man diese kulturellen Unterschiede, berge die Zusammenarbeit mit dem Reich der Mitte große Chancen, betont Schmidt. Ehrenamtlich helfen er und sein chinesisches Pendant, Deshun Zeng, die Unterschiede zu überwinden und erste Kontakte zu neuen Geschäftspartnern herzustellen – in Deutschland ebenso wie in China.


Denn das Interesse ist keinesfalls einseitig. Auch das deutsche Engagement in China wird immer größer: Das wirtschaftliche Wachstum des Landes ist enorm, mit über 1,3 Milliarden Einwohnern bietet sich ein Absatzmarkt wie kein anderer. „Tatsächlich ist der riesige Absatzmarkt seit einigen Jahren das wichtigste Motiv für ein China-Engagement, die niedrigen Produktionskosten spielen nur noch eine geringe Rolle“, sagt Müller. Auch Schmidt weiß: „Hessen verfügt über einen sehr großen Außenhandelsanteil. Da sind wir auf China angewiesen.“


Bereits heute haben rund 700 hessische Unternehmen eine Niederlassung in der Volksrepublik, hinzu kommen zahlreiche, die „jiaoyi“ – Geschäfte oder Handel – mit China betreiben. So wie der nordhessische Solartechnikhersteller SMA, der den Schritt nach Fernost gewagt hat. Die Kasseler übernahmen 72,5 Prozent der Firma Jiangsu Zeversolar New Energy. Das Unternehmen, das wie SMA Wechselrichter herstellt, gehört in China zu den führenden Herstellern der Branche. „Besonders die in Hessen entwickelten und produzierten Umwelttechnologien werden neben der Maschinenbau-Branche in China sehr geschätzt“, weiß Schmidt. Das berge enorme Chancen für kleinere Unternehmen.


Doch auch große namhafte Unternehmen wie die Messe Frankfurt investieren zunehmend in China: Erst im September hat der Unternehmenszweig Messe Frankfurt New Era Business Media eine Tochtergesellschaft in Shenzhen gegründet. Insgesamt ist die Messe Frankfurt nach eigenen Angaben in China mit mehr als 400 Mitarbeitern in nunmehr sechs Büros vertreten.


Das Land Hessen hat das Potenzial der Beziehungen zu China dabei längst erkannt. „Unser gemeinsames Ziel ist die Ausweitung der deutsch-chinesischen Geschäfte“, betonte Ex-Wirtschaftsminister Florian Rentsch (FDP) bei mehreren China-Reisen. Am Ziel ist man bei der Zusammenarbeit nämlich noch lange nicht. Und deswegen heißt es auch weiterhin: Kontakte knüpfen, kulturelle Unterschiede überwinden, den Finanzplatz Frankfurt bewerben – damit Hessens Außenbild in China zukünftig noch glänzender ist.

 

 

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