Dai Sijie: "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin"

Rezension von Jana Kötter

 

China,1971, ein abgelegenes Bergdorf. Dai Sijies Roman „Balzac und die kleine chinesische Kaiserin“ spielt vor der Kulisse des wohl sensibelsten Kapitels der jüngeren chinesischen Geschichte. Zur „kulturellen Umerziehung“ wurden der Protagonist und sein Freund Luo, zwei pfiffige junge Chinesen, hierhergeschickt.

 

„Ein paar Worte zur Umerziehung“, wird der junge Mann gleich zu Beginn des Werkes los. Zunächst führt er den Leser sachlich in den Hintergrund ein: „Ende 1967 startete Mao, der Große Steuermann, eine Kampagne, die das kommunistische China zutiefst verändern sollte: Die Universitäten wurden geschlossen, und die „Jungen Intellektuellen“, das heißt die Gymnasiasten und die Absolventen höherer Schulen, wurden zur „Umerziehung durch die revolutionären Bauern“ aufs Land geschickt.“

 

Der Protagonist und sein Freund Luo zählen zu diesen Intellektuellen. „Was Mao Zedong mit seiner Entscheidung wirklich bezweckte, war unklar. (…) Wenn uns niemand hörte, diskutierten Luo und ich oft über dieses Thema. Und kamen zu dem Schluss, dass Mao die Intellektuellen hasste.“

 

Genau diese Diskussionen sind es, die die zwei jungen Erwachsenen im Bergdorf immer stärker verbinden – ebenso wie die Liebe zur bildhübschen kleinen Schneiderin aus dem Nachbardorf. Und die Bücher, die sie eines Tages in einem geheimen Koffer finden. Balzac, Hugo, Gogol, Dostojewski: Sie werden die neuen Helden der pfiffigen Heranwachsenden. „Ich spüre bloß Hass, Hass, Hass gegenüber allen, die uns diese Bücher verboten haben“, sagt Luo, als er den Schatz das erste Mal sieht. Sein Freund zuckt zusammen. „Ein Satz wie dieser konnte uns viele Jahre Gefängnis kosten.“

 

Trotzdem merken sie, dass sie letztlich nur einen Weg haben, die stumpfe Gleichförmigkeit der Feldarbeit zu überleben: Sie müssen an genau diese verbotenen Bücher der westlichen Literatur kommen.

 

„Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“, erstmals erschienen 2003, war der erste Roman von Dai Sijie – und gleich ein voller Erfolg, vor allem international. Zwar steht China bei Dai Sijie nicht primär im Vordergrund; in erster Linie geht es vor allem um Freundschaft, Liebe und das Erwachsenwerden – alle Themen verpackt in eine wunderbar gewaltige, teils fast poetische Sprache. Jedoch gelingt es dem Autor durch genau diese Sprache, dem Leser ein eindringliches Gefühl dieses sensiblen Kapitels der Geschichte Chinas näherzubringen. „Jeder Quadratzentimeter unseres Landes stand unter der wachsamen Kontrolle der „Diktatur des Proletariats“, die ganz China überzog wie ein riesiges, perfektes, lückenloses Netz.“

 

Diese wertvollen Hintergrundinformationen machen „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ gemeinsam mit der einfühlsam erzählten Geschichte der zwei Freunde und der Sprachgewalt Dai Sijies zu einem absolut empfehlenswerten Werk. Das französische Magazin „Le Figaro“ hat es in seiner Rezension auf den Punkt gebracht: „Wenn Sie nur einen Roman dieses Jahr lesen wollen, lesen Sie diesen, er wiegt hundert andere auf.“

 

Dai Siejie: „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“, Piper Verlag, 9,99 Euro.

 

 

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