Louisa Lim: "People's Republic of Amnesia"

Rezension von Jana Kötter

 

Es war eine mutige Entscheidung, dieses Buch zu schreiben. Louisa Lim erzählte niemandem von ihrem Vorhaben, verschwieg das Projekt sogar der eigenen Familie. Ihre Notizen hütete sie wie einen Schatz, verfasst habe sie das Buch auf einem völlig neuen Laptop, der noch nie eine Verbindung ins Internet hatte, sagt Lim – aus Angst vor der chinesischen Überwachung.

 

Denn 25 Jahre nach der blutigen Niederschlagung der studentischen Protestbewegung, die als Tiananmen-Massaker in die (westliche) Geschichte eingegangen ist, ist das Thema in China noch immer ein Tabu. Die Regierung will das Thema aus dem nationalen Bewusstsein verdrängen, und ist damit leider auch sehr erfolgreich – China wurde zur „People’s Republic of Amnesia“, einer „Volksrepublik der Amnesie“, wie Louisa Lim im Titel ihres Buches attestiert.

 

„Memory is dangerous in a country that was built to function on national amnesia.“

 

In ihrem Werk bricht die Autorin nun das Schweigen und belebt die Erinnerung an das wohl größte Tabu-Thema Chinas. Sie beleuchtet die Studentenbewegung 1989 aus verschiedenen Blickwinkeln – dem des Soldaten, der das Kommando der Niederschlagung ausführen muss, des Studenten selber, dessen Mutter.

 

Da ist beispielsweise Chen Guang, der ehemalige Soldat, der seine Erlebnisse nun in Kunstwerken verarbeitet – auch wenn er weiß, dass er diese niemals in China ausstellen kann. „Of course there is guilt“, gibt er zu. „Over a long period of time, you realize that there were many things you could have chosen not to do.“ Oder Wu’er Kaixi, der wohl prominenteste der Studentenführer, der Li Peng beim Treffen in der Großen Halle des Volkes im Pyjama und stark unterernährt gegenübersaß und den chinesischen Premier barsch unterbrach – er lebt heute im Exil. Da sind die Tiananmen Mothers, der ehemalige ranghohe Regierungsbeamte Bao Tong, die heutigen Studenten Pekings.

 

Lim hat mit ihnen allen gesprochen. Sie und ihre Protagonisten können dabei nicht alle Fragen klären; im Gegenteil, manche werden wohl immer offen bleiben. Jedoch schafft es die Autorin, ein facettenreiches und tief emotionales Bild von dem zu zeichnen, was im Sommer 1989 in Peking geschah.

 

Dass sie in Passagen immer wieder aus der Ich-Perspektive erzählt, gibt dem Buch eine persönliche Note. Denn „People’s Republic of Amnesia“ ist nicht nur eine wissenschaftliche Arbeit, sondern Lims Suche nach Informationen und die lange Reise der Recherche, auf die die Autorin den Leser mitnimmt. Sie erzählt, wie sie ihre Gesprächspartner getroffen hat, wo die Treffen stattfanden, wie sie sich dabei gefühlt hat – beispielsweise als sie den ehemaligen Studenten Zhang Ming getroffen hat, der den Hungerstreik auf ganz persönlicher Ebene weiter fortsetzt und keine feste Nahrung, sondern nur Milch zu sich nimmt, und plötzlich selber Hunger spürte. Oder, bei einem anderen Treffen: „To find out more, I dug up an old copy of an Asia Watch report detailing the treatment of those 11 prisoners at Lingyuan. As I read the account, I felt a low pulse of shame at my attempts to excavate those long-buried memories.”

 

Einen besonderen Verdienst leistet „The People’s Republic of Amnesia” mit seinem letzten Kapitel, „Chengdu“. Denn nicht nur in Peking haben sich vor 25 Jahren Studenten aufgelehnt, um für ein besseres China zu kämpfen. Wuhan, Chengdu – in vielen anderen Städten des Landes fanden kleinere Versionen von Tiananmen statt. Schätzungen zufolge waren es 80 Orte im gesamten Land. Mit noch unveröffentlichtem Fotomaterial und bisher unbekannten Quellen rekonstruiert Lim am Beispiel Chengdu exemplarisch, wie diese stattgefunden haben. Und weckt mit ihrem Buch so nicht nur das Bewusstsein für Peking, sondern auch all die anderen „Tiananmens“, die stattgefunden haben.

 

Welche Konsequenzen das Buch für Louisa Lim haben wird – oder ob es überhaupt welche haben wird, das kann heute noch niemand sagen. Fest steht jedoch, dass sich das Risiko gelohnt hat. Denn Lim nimmt ihre Leser so nah mit an Tiananmen 1989 wie es kaum ein Buch zuvor geschafft hat. Sie zeichnet ein intensives, sehr bewegendes Bild von den Wochen der Demokratiebewegung und ihren Folgen, das auch hilft, das heutige China zu verstehen.

 

Louisa Lim: „The People’s Republic of Amnesia. Tiananmen revisited”, 18,95 Euro, Oxford University Press, ISBN 978-0-19-934770-4.

 

 

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