Amy Tan: "Töchter des Himmels"

Rezension von Jana Kötter

 

Vier Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges in die USA fliehen – und ihre Töchter, die dort, in San Francisco, aufwachsen und sich mit den chinesischen Traditionen nicht mehr identifizieren können. Sie stehen im Fokus von Amy Tans „Töchter des Himmels“ – einem wahren Klassiker der China-Literatur, der 1989 erstmals erschienen ist und mir im Antiquariat durch Zufall in die Hände fiel.

 

Der Roman ist so spannend erzählt, dass er den Leser schnell in den Bann zieht. Dafür sorgen nicht zuletzt die einzelnen Perspektiven der acht Protagonistinnen, die in den Kapiteln zu Wort kommen und so das Familienpuzzle Stück für Stück zusammensetzen. Besonders die Geschichten der älteren Generation, Zeitzeugen des chinesischen Kaiserreichs, ermöglichen einen seltenen Einblick in die chinesische Geschichte – und das chinesische Denken.

 

„Meine Mutter war 1949 nach Kalifornien gekommen, nach einer langen, beschwerlichen Reise, die 1944 in Kweilin begonnen hatte und sie zuerst in nördliche Richtung nach Chungking geführt hatte, wo sie meinem Vater begegnete. Dann zogen sie in südöstliche Richtung weiter, nach Schanghai, und flohen noch weiter südlich, nach Hongkong, wo sie sich nach San Francisco einschifften. Meine Mutter kam also aus vielen verschiedenen Himmelsrichtungen.“

 

Während die Mütter die chinesischen Traditionen und Pflichten noch verinnerlicht haben, entfremden sich die im Westen aufwachsenden Töchter immer mehr. Sie erheben den Anspruch auf ein westliches Leben – und können sich doch der Magie des alten Chinas nicht verschließen. Amy Tan, 1952 selber als Tochter chinesischer Einwanderer geboren, kennt dieses Gefühl wohl aus eigener Erfahrung.

 

„Meine Tochter heiratet zum zweiten Mal. Deshalb hat sie mich zum Frisör geschickt. Ich weiß, was sie damit bezweckt. Sie schämt sich meiner. Was sollen denn die Eltern ihres Mannes und seine wichtigen Juristenfreunde denken, wenn sie diese hinterwäldlerische alte Chinesin zu Gesicht bekommen?“

 

Erschienen ist „Töchter des Himmels“ zwar bereits 1989, jedoch hat der Klassiker keinesfalls an Aktualität verloren. Die Frage nach dem Aufrechterhalten der eigenen Identität, das Zerrissen-sein zwischen den zwei Heimaten, dies sind Probleme, die auch heute jede Einwandererfamilie hat, und die vor allem zwischen den Generationen für Zündstoff sorgen. Die Lektüre lohnt sich deshalb ebenso wie vor 25 Jahren – oder vielleicht sogar noch mehr.

 

 

Amy Tan: Töchter des Himmels, Goldmann Verlag (Neuauflage), 9,99 Euro, ISBN 978-3442481866.

 

 

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