Jin Xing: "Shanghai Tango"

Rezension von Jana Kötter

 

„Am nächsten Tag sehe ich mein Profil im Spiegel meines Zimmers im Krankenhaus, und was ich erblicke ist das Bild einer Frau. Ich umfasse meine Brüste mit den Händen, wie es Männer tun, wenn sie eine Frau zärtlich streicheln. (…) Ich berühre ganz sacht die Spitzen meiner Brüste. Ich bewundere ihre anmutige Form und bin entzückt. Endlich verwirklicht sich der Traum meiner Kindheit.“

 

Mit den Brüsten beginnt er, der Weg von Jin Xing. Und endet erst, als aus dem Sohn koreanischer Einwanderer schließlich eine Frau geworden ist – eine der berühmtesten Tänzerinnen Chinas. In ihrer Biographie „Shanghai Tango. Mein Leben als Soldat und Tänzerin“ erzählt Jin Xing ('goldener Stern') von diesem beschwerlichen Weg.

 

Mit neuen Jahren beginnt Jin Xing eine Tanzausbildung bei der Armee. Während er Maschinengewehre schleppt, träumt er davon, Ballerina zu werden – sehr zum Widerwillen seiner Eltern natürlich. Denn im China der 1970er und 1980er Jahre sind solche Gefühle Tabu. Erst recht, wenn es um die Liebe geht: „In China ist die gleichgeschlechtliche Liebe ein Tabu. Homosexualität hat es immer gegeben, aber das Thema wird nie direkt angesprochen, man hält es geheim. Oder man tarnt die Sache als Freundschaft.“

 

Erst in den USA und in Europa, wo Jin Xing später studiert und in den Genuss der Freiheit des Westens kommt, kann er seine Sexualität erstmals offen ausleben. Hier reift auch der Entschluss in ihm, seinem Körper endlich das Geschlecht zu geben, das er in sich spürt. Zurück in China wird er mit 28 Jahren wiedergeboren – als Frau.

 

Dass das von Catherine Texier übersetzte, 220 Seiten umfassende Taschenbuch nur noch auf Ramschtischen oder antiquarisch zu erhalten ist, verwundert dabei nicht. Denn es handelt sich keinesfalls um hohe Literatur; „Shanghai Tango“ ist kein Werk, das aufgrund hoher sprachlicher Finessen fesseln würde. Vielmehr ist es die Geschichte an sich, die den Leser mitreißt und, das ist bei solch einem brisanten Stoff wohl unweigerlich der Fall, den natürlichen Voyeurismus des Menschen stillt. „Shanghai Tango“ ist leichte Kost und schnell gelesen.

 

Trotz des einfachen Stoffs lohnt sich die Lektüre jedoch – insbesondere für Menschen, die China kennen und so über die Leidensgeschichte der Jin Xing einen weiteren Einblick in die Kultur und Gesellschaft des Landes erhalten. Homosexualität ist in China vielerorts noch heute ein Tabu. Und mit diesem bricht „Shanghai Tango“ in all seiner Offenheit auf eine sehr erfrischende Art. 

 

Jin Xing: "Shanghai Tango. Mein Leben als Soldat und Tänzerin", blanvalet Verlag, 8,95 Euro, ISBN 978-3764502164

 

 

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